Antiquarische Gesellschaft

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Vorgeschichte

Am 8. Mai 1887 hielt die Antiquarische Gesellschaft Zürich gemäss dem im Staatsarchiv aufbewahrten Protokollbuch in der «Krone» in Wetzikon eine auswärtige Sitzung ab, um sich mit den Vertretern der in Gründung befindlichen Sektion Wetzikon zu besprechen. Man wollte anscheinend beiden Seiten Gelegenheit geben, sich besser kennen zu lernen und sich von Zürcher Seite auch davon überzeugen, ob dieses Abenteuer verantwortet werden könne. Demnach begrüsste Jakob Messikommer die Gäste, und Sekundarlehrer Heierle hielt einen Vortrag über die Altertümer von Wetzikon, in dem er natürlich auch intensiv auf die in den vorangegangenen Jahren von Messikommer gemachten Funde hinwies. Das erste Protokoll der Wetziker Gesellschaft erzählt, welche Überlegungen zur Gründung führten: «Im Laufe des Sommers 1887 traten auf Anregung des Herrn Antiquars Messikommer in Stegen mehrere Einwohner hiesiger Gemeinde der antiquarischen Gesellschaft in Zürich bei. Um diese ihre neuen Mitglieder mit sich und unter einander enger zu verbinden, machte sich die antiquarische Gesellschaft anheischig, besonders den Winter hindurch Vorträge in Wetzikon zu veranstalten und besuchte auch selbst in ansehnlicher Zahl ihre neue nun auf dem Land erste Sektion. Bei Anlass dieses Besuches hielten die Herren Sekundarlehrer Heierle, Zeller-Werdmüller und Professor Meier von Knonau Vorträge. Da inzwischen die Zahl der Mitglieder sich vermehrt hatte, zeigte sich das Bedürfnis regelmässiger Zusammenkünfte, überhaupt einer Organisation der Sektion. Mittwoch den 26. Oktober 1887 fanden sich die Mitglieder zu einer ersten Sitzung zusammen, in der Herr Antiquar Messikommer unter Vorweisung zahlreicher Fundgegenstände die Geschichte des Beils behandelte und von der Entwicklung dieses wichtigen Instrumentes aus lehrreiche Streiflichter auf die Kulturbewegung der Menschheit überhaupt fallen liess.» Die Leute vom Land waren es anscheinend bald einmal leid geworden, an Sitzungen und Vorträge in die Stadt zu reisen, war doch die Fahrt damals recht umständlich.

Jakob Messikommer zeigt 1899 seine Pfahlbaufunde in Robenhausen

Antiquarische Gesellschaft Wetzikon 1887 bis 1973

Der eigentliche Gründungsakt der Sektion Wetzikon sowie die Wahl des ersten Vorstandes fand bereits eine Woche später statt. Das Protokoll vermerkt dazu: «Konstituierende Sitzung der Antiquarischen Sektion Wetzikon. Mittwoch 2. Nov. 1887 in der Krone. Anwesend waren die Herren Antiquar Messikommer, Wirz-Gujer, Gujer-Tobler, Homberger-Bühler, Lehrer Furrer und Pfarrer Flury. Nachdem der Vorsitzende Herr Antiquar Messikommer die Notwendigkeit einer Gesellschaftsordnung auseinander gesetzt und die Zustimmung aller Anwesenden gefunden hatte, beschloss man trotz der geringen Zahl sofort den Vorstand zu ernennen. Herr Antiquar Messikommer erklärte aufs entschiedenste, keine Wahl in den Vorstand anzunehmen. Gewählt wurden a) Präsident: Herr Werdmüller-Dürsteler, b) Quästor: Herr Homberger-Bühler, c) Aktuar: Herr Pfarrer Flury. Dem neuen Vorstand wird der Auftrag erteilt, ein einfaches Statut zu entwerfen und in der nächsten Sitzung vorzulegen.»

In der Krone wird die Antiquarische Gesellschaft gegründet

Die Genehmigung der Statuten der Antiquarischen Sektion Wetzikon erfolgte am 28. Dezember 1887 in der «Krone». Als Vereinszweck nannten die Statuten namentlich «die Belehrung der Mitglieder unter sich aus dem Gebiet vorgeschichtlicher und geschichtlicher Forschung, sowie die Pflege edler Geselligkeit.» Die Mitglieder der ersten Stunde bezeugten ihren Willen zum Beitritt mit ihrer Unterschrift auf dem handschriftlichen Original-Dokument. An der Wiege der Gesellschaft standen insgesamt 23 Männer. Allein acht von ihnen bezeichneten sich in der Liste als Fabrikanten. Hinzu kamen weitere gut gestellte Bürger, vom Arzt und dem Pfarrer über den Lehrer bis zum Notar. Auch der «Kronen»-Wirt gab seinen Beitritt.

Statuten 1887

Die Antiquarische Sektion der Gründerzeit war eine verschworene, rührige Gemeinschaft von Männern gehobenen Standes, welche sich ihrer Vereinigung mit Begeisterung, Hingabe und einem bewundernswerten Einfallsreichtum widmeten. Ein grosser Teil der Herren waren starke Persönlichkeiten, gewohnt ihre Meinung dezidiert zu vertreten und ihren Willen durchzusetzen. Die Mitglieder zahlten den für jene Zeiten respektablen Jahresbeitrag von sechs Franken. Die Verbindung mit der Zürcher «Mutter» hatte nicht lange Bestand. Schnell kühlte sich das Verhältnis der Wetziker «Antiquare» zu ihren Kollegen in der fernen Kantonshauptstadt deutlich ab. Die Hoffnung auf prominente Referenten aus dem Kreis der Zürcher Antiquarischen Gesellschaft hatte sich nämlich nur unzureichend erfüllt. So entschlossen sich die Wetziker, entgegen der bisherigen Gewohnheit, für die Berchtoldsfeier von 1894 keine Einladung mehr nach Zürich zu schicken, «um so mehr als uns trotz Ansuchens bis anhin noch kein Vortrag von dorten in Aussicht gestellt war.» Nur drei Jahre später wurde vom Vorstand als Reaktion auf das latente Missbehagen etwas trotzig beschlossen, die Gesellschaft in Zürich solle für den kommenden Winter nicht um Vorträge angegangen werden. Bereits zuhanden der Sitzung vom 22. Dezember 1897 stellte der Vorstand den Antrag auf Austritt aus der Zürcher Gesellschaft. Den Hauptgrund zu diesem Schritt bildete offiziell und gemäss Protokoll das finanzielle Moment, sprich die Abgabe von jährlich drei Franken pro Mitglied nach Zürich. Der Antrag wurde einstimmig zum Beschluss erhoben und die bisherige Sektion zur selbständigen Gesellschaft umgewandelt.

Anfänglich wurde unterschieden zwischen internen und öffentlichen Vorträgen. Die Referate hatten häufig weniger mit antiquarischen Themen zu tun als mit Allgemeinbildung. Das Spektrum war breit gefächert: Mythologie, Literatur, exotische Kulturen, Gesundheit, Malerei, Musik, Geschichte, Religion, Kirche, Politik - alles hatte Platz und wurde teilweise von prominenten Gastreferenten abgehandelt. Eine Reihe von Professoren war ebenso da wie Hofrat Ferres oder die Fliegerlegende Walter Mittelholzer. Die Vorträge von Gastreferenten fanden aus fahrplantechnischen Gründen anfänglich in der Regel am Sonntag statt. Die hohen Häupter aus der Stadt wurden im Bauerndorf Wetzikon ehrfurchtsvoll empfangen, wie uns der Eintrag des Aktuars zum Vortrag von Professor Meyer von Knonau zum Thema «Gründung, Entwicklung und Thätigkeit der Hochschule» am 12. Oktober 1890 erahnen lässt: «Schon seine stattliche Figur und sein schallendes Organ waren ganz dazu angetan, uns Laien von der Macht und Gewalt der Wissenschaft und ihrer anwesenden Vertreter einen mächtigen Begriff zu geben.»

Nach dem Austritt aus der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich konnte man nicht mehr erwarten, dass deren Mitglieder auch künftig kostenlos nach Wetzikon reisen würden, um Vorträge zu halten. Der Vorstand beschloss deshalb am 17. Januar 1898, auswärtige Referenten künftig mit 15 Franken zu honorieren. Offenbar war man im Lauf der Jahre sogar bereit, deutlich mehr zu zahlen. Ein Dr. Bäbler erhielt jedenfalls 1910 für seinen Grönland-Vortrag die stattliche Summe von 100 Franken. Zur Deckung der Unkosten wurde deshalb ein Eintrittspreis von 50 Centimes erhoben.

Versammlung im Schloss Wetzikon 1930

Die Auftritte von Gastreferenten zogen gelegentlich ein grosses Publikum an. Am 8. Dezember 1901 erzählte der Afrikareisende Dr. R.H. Ferres in der «Krone» vor der fast unglaublichen Kulisse von gegen 350 Personen über seine Erlebnisse in Südafrika. Und ein zweistündiges Referat des Zürcher Zeitungsredaktors W. Bierbaum über «Die Isonzofront» lockte am Sonntag, den 25. Februar 1917 immerhin 220 Zuhörer in den «Löwen». Anfangs der 1920er-Jahre kamen dann Lichtbildervorträge definitiv in Mode. AGW-Mitglied Heinrich Gretler hatte schon 1908 die Anschaffung eines Projektors angeregt und dafür einen Beitrag von 100 Franken in Aussicht gestellt. Ob das Gerät je angeschafft wurde, geht aus den Akten nicht hervor. Immer wieder hielten daneben AGW-Mitglieder Vorträge. Diese nahmen in den 1920er-Jahren – wohl auch mangels externer Angebote - zunehmend überhand. Verschiedentlich berichteten interne Referenten über ferne Länder, und es ist ebenso erstaunlich wie beeindruckend, welch weite Reisen die Mitglieder in der Anfangszeit der AGW schon unternahmen. Nicht immer meldeten sich die Referenten dabei freiwillig. Schon 1911 stellte der damalige Aktuar fest: «Selbst die <Antiquarische> krankt trotz ärztlicher Leitung an einem Grundübel, an dem auch andere Vereinigungen leiden: am Mangel verfügbarer Referenten.» Arzt und Präsident Hans Haegi sprach schliesslich als Lückenbüsser zum Thema «Aberglauben in der Medizin».

Lange Zeit bemühten sich die Präsidenten, während den Wintermonaten möglichst alle zwei Wochen ihren Mitgliedern einen Vortrag anbieten zu können – eine bemerkenswerte Leistung. In den Zwanziger- und Dreissigerjahren des 20. Jahrhunderts erlahmte dann allerdings der Bildungseifer der «Antiquare». So war am 2. April 1930 nur der Vorstand in corpore anwesend, dazu als einziger Vertreter der übrigen Mitgliedschaft Hermann Bendiner. Die Moral des Aktuars war nun auf einem Tiefpunkt angelangt, und er prophezeite der Gesellschaft den baldigen Tod, sofern der Besuch der Sitzungen kein Besserer werde. Am 19. November 1930 wurde als Reaktion auf das Desinteresse der Antiquare mit grossem Bedauern beschlossen, die Zusammenkünfte künftig nur noch im Vierwochen-Rhythmus abzuhalten, weil für Vorträge alle 14 Tage ganz einfach die Leute fehlten. Offensichtlich machte sich nun auch die Konkurrenz durch die Volkshochschule bemerkbar. 1938 ging man mit Rücksicht auf deren Angebot darauf über, die «Sitzungen», wie die Veranstaltungen offiziell hiessen, statt am Mittwoch am Donnerstag abzuhalten. Dann kam der 2. Weltkrieg. Manche potenziellen Referenten mussten Militärdienst leisten und waren deshalb nicht abkömmlich. Auch AGW-Präsident August Gretler wurde zu den Fahnen gerufen und konnte sich kaum mehr um ein attraktives Programm kümmern. Ausserdem hatten die Leute in diesen schweren Zeiten wohl andere Prioritäten. Unter ihrem Präsidenten Karl Eckinger nahm die AGW nach dem 2. Weltkrieg eine ganz neue Richtung auf: Eckingers besondere Mission war die Vermittlung gehobener kultureller Werte. Er fühlte sich dem Schönen und Edlen verpflichtet, der klassischen Musik, Dichterlesungen, der Malerei und bildenden Reisen. Sein liebstes Kind aber war die Kammermusik, wobei er als Cellist mehrmals selber auftrat. Die antiquarische Gesellschaft hatte schon in früheren Jahren Konzerte veranstaltet, aber unter Eckingers Ägide begannen sich die Anlässe zu häufen. Dabei waren ihm nur die besten, auserlesensten und gepflegtesten Darbietungen gut genug: Kammermusik-Abende, Konzertabende mit Peter-Lukas Graf, Edwin Fischer, dem Winterthurer Streichquartett, dem Zürcher Kammerorchester unter Edmond de Stoutz, ein Mozart- und ein Robert Schumann-Abend sowie ein Violin- und ein Glasharfenabend brachten höchsten musikalischen Genuss ins ländliche Wetzikon. Wiederholt war auch das 1958 vom Musiklehrer René Müller gegründete Kammerorchester Zürcher Oberland bei der AGW zu Gast. Bald lebte man sich allerdings auseinander, und auf den 27. Oktober 1961 übernahm die AGW ein letztes Mal die Federführung für ein Konzert des Kammerorchesters. Mit der Gründung des Musikkollegiums Zürcher Oberland war dann 1962 die Trennung endgültig vollzogen.

Gelegentlich kam es im Anschluss an Vorträge zu intensiven Diskussionen. So, als am 30. Oktober 1902 Lehrer Attenhofer über den Buddhismus sprach. Die beiden Pfarrer Flury und Pfisterer mokierten sich anschliessend darüber, der Buddhismus sei zu wenig kritisch beleuchtet worden und das Christentum mit seinem gesunden Optimismus und seinen tröstlichen Verheissungen sei alles in allem doch eine bessere Sache. Um die Wogen zu glätten, beschloss man nach längerer Diskussion, demnächst einen Vortrag mit dem Thema «Christenthum und Buddhismus» ins Programm zu nehmen und dabei die Unterschiede und wechselseitigen Beziehungen der beiden Weltreligionen zu behandeln. Pfarrer Pfisterer gedachte das Eisen zu schmieden, solange es noch heiss war und hielt besagtes Referat bereits am 15. Januar 1903. Es gab für ihn nicht den leisesten Zweifel, dass das Christentum in allen Belangen wertvoller sei. Das klopfte wiederum einige Zuhörer aus dem Busch, welche der Auffassung waren, auch das von vielen praktizierte Christentum lasse oft zu wünschen übrig.

Erstaunlich unkritisch verhielt man sich in der AGW lange Zeit gegenüber dem aufkommenden Nationalsozialismus und Faschismus. Schon 1912 erläuterte Sekundarlehrer Walther Bär seine zum Teil recht radikalen Ansichten zur «Rassenverbesserung», welche eine verblüffende Ähnlichkeit mit der späteren Ideologie der deutschen Arier hatten. Wenige Tage vor Hitlers definitiver Machtübernahme in Deutschland referierte Sekundarlehrer Jucker 1933 über die wirtschaftlichen und politischen Zustände in Russland, insbesondere über die Revolution und Stalin. Was den Kommunismus anging, sah er das Bedrohliche eines totalitären Regimes mit wachem Blick. Eigenartigerweise aber nicht die Gefahren, welche vom Faschismus in Italien und dem Wetterleuchten des aufstrebenden Nationalsozialismus in Deutschland ausgingen. Auch am 22. November des gleichen Jahres waren Adolf Hitler und die Entwicklung in Deutschland bei einem Vortrag von Pfarrer Wipf über die Judenverfolgung offenbar keine Zeile wert. Selbst im Bericht über den Besuch des Bundesarchivs am 26. Mai 1938 erfolgte kein Hinweis auf politische Gefahren. Erst beim Vortrag über die Landesausstellung am 12. Januar 1939 fielen einige, lediglich allgemein gehaltene Bemerkungen über unschweizerisches Gedankengut. An der Vorstandssitzung vom 13. Oktober 1939 wurde zwar eine Reduktion des Programms mit Verweis auf die Mobilmachung beschlossen. Gedanken zur Weltlage sind aber auch hier nicht protokolliert. Es fragt sich deshalb, ob das Problem Nazi-Deutschland bewusst ausgeklammert wurde, um den Vereinsfrieden nicht zu gefährden. Oder lag es an der recht schöngeistigen Ausrichtung der AGW, dass etwas so Unangenehmes kein Thema war?

Eine erstaunlich aufgeschlossene Haltung legte die AGW nach dem 2. Weltkrieg hingegen bezüglich Pfahlbauforschung an den Tag, auch wenn sie damit ihr Vorbild Jakob Messikommer in Zweifel zog. Sie lud 1953 den Zürcher Professor Emil Vogt – eine Pfahlbauforschungs-Koryphäe der damaligen Zeit - zu einem Vortrag ein, in welchem dieser die herkömmliche Theorie Messikommers und dessen Zürcher Mentors Ferdinand Keller bestritt. Diese waren davon ausgegangen, dass die Pfahlbauer ihre Hütten auf Pfählen in den See gebaut hätten. Vogt widersprach dem und vermochte gemäss Bericht im «Zürcher Oberländer» aufgrund neuer Grabungen «eindrücklich und unserer Auffassung nach auch überzeugend» darzulegen, dass die Siedlungen auf dem Land – und nicht im Wasser – errichtet wurden. 16 Jahre später bestätigte Marion Itten vom Landesmuseum bei ihrem Auftritt vor der AGW Vogts Theorie.

Die Gemütlichkeit war bei den «Aktuaren» der ersten Stunde ein stehender Begriff und hatte einen enorm hohen Stellenwert. Meist war ihr der zweite, inoffizielle Teil der Sitzungen gewidmet. Am Schluss eines Protokolls stand häufig der Vermerk: «Hierauf wird der erste Teil der Sitzung geschlossen und der Rest des Abends der Gemütlichkeit gewidmet». Die drei B für Bildung, Beschlüsse und Belustigung waren eben die tragenden Pfeiler des Gesellschaftslebens. Häufig dienten Zusammenkünfte und Herrenabende aber auch ausschliesslich dem lockeren Beisammensein. Sie waren im Gegensatz zu Vorträgen und normalen Sitzungen meist gut besucht. Dann waren Bier, humoristische Ansprachen, das Erzählen von Witzen, allerlei Allotria sowie das fröhliche Absingen von Liedern gefragt. Die Vorsitzenden Flury und Haegi hatten deshalb immer ihren «Kantusprügel» (Gesangbuch) dabei und gingen mit dem guten Beispiel voran.

Wer denkt, die unterhaltsamen Stunden der «Antiquare» hätten nur aus Allotria bestanden, der irrt sich aber gewaltig. Es gab durchaus auch Gemütlichkeit für höhere Ansprüche. Am «Recitationsabend» vom 26. März 1903 boten verschiedene Mitglieder ihren Kameraden des Guten vieles durch Vorträge ernster und heiterer Art, und der Aktuar geriet bei der Berichterstattung richtiggehend ins Schwärmen. Einige weitere ähnliche Anlässe folgten in den nächsten Jahren, bevor sich der Brauch wieder verlor.

Der Stil der Veranstaltungen wurde offensichtlich nicht unwesentlich vom jeweiligen Präsidenten geprägt. Caspar Schuler-Suter, der auf Flury und Haegi folgte, war ein nüchterner Mensch und im Gegensatz zu seinen Vorgängern keine besonders gesellige Natur. Die Pflege ausgelassener Fröhlichkeit lag ihm schon gar nicht am Herzen. Am 10. November 1920 war der offizielle Teil der Sitzung schon bald erledigt. Doch auch der einst so beliebte anschliessende «Hock» gestaltete sich ziemlich trocken und kurz. Aktuar August Gretler wünschte sich deshalb in seinem Protokoll eine etwas aktivere Beteiligung der Kameraden - und meinte damit vermutlich das Präsidium. Die Zeiten, wo allerlei Allotria getrieben wurde, waren in diesen Jahren offensichtlich vorbei und der Begriff «antiquarische Gemütlichkeit» tauchte in den Protokollen fortan nicht mehr auf.

Erst mitten im 2. Weltkrieg fanden die «Antiquare» zu ihrer unbeschwerten, fantasievollen Fröhlichkeit zurück. Ein warmer Ofen und ein bescheidener Imbiss waren ihnen Anlass genug, sich unbeschwert an geselliger Kameradschaft zu erfreuen. «Trotz eisiger Januarskälte versammelten sich zu <löblichem Tun> 16 Antiquaren im warmen heimeligen Stübli im Schloss. Tisch und Buffet unseres Jakob Stutz waren zu neuem Leben erwacht und dienten vollbeladen mit gutem <Stoff> als Schankecke, von einem alten Petrollämpchen traulich beleuchtet. Bald erklangen denn auch alte Studentenlieder in froher Runde, als plötzlich kecke Damen in die Stube <einbrachen> und in launigem Couplet die Herren daran erinnerten, sich künftighin auch bei den Vorträgen so zahlreich einzufinden und nicht dorthin Frauen und Töchter abzuordnen, um sie dann beim vergnügten Teil zu Hause zu lassen.»

Nach Kriegende war es bald wieder vorbei mit der neu erwachten Gemütlichkeit, und an den Herrenabenden herrschte wieder eine nüchterne Stimmung. Es waren fast normale Sitzungen. Ohne Damen, dafür mit Schüblig. Unter dem Präsidium von Karl Eckinger verblassten die Erinnerungen an die glorreichen alten Zeiten endgültig. Niemand bemühte sich noch darum, die einst so geschätzte antiquarische Gemütlichkeit wieder zum Leben zu erwecken. Dafür war die Gesellschaft zu gross und zu unpersönlich geworden.

Der mit wenigen Ausnahmen jährlich abgehaltene festliche Gesellschaftsanlass wandelte im Laufe der Jahre ständig sowohl seinen Charakter als auch seinen Namen. Es begann mit den Berchtoldsfeiern zum Jahresbeginn, welche die Gründer von der Muttergesellschaft in Zürich übernommen hatten. Mit dem erstmaligen Einzug der holden Weiblichkeit im Jahre 1893 stiegen die Ansprüche an den Unterhaltungswert der Festlichkeiten; vor allem die ältere Garde um Pfarrer Flury beharrte darauf, dass den Damen gediegene Produktionen auf einem gehobenen Niveau geboten wurden. Witze und Sprüche aus der unteren Schublade hatten da keinen Platz mehr. Die Mitglieder des «Vergnügungs-Comites» wussten also, was von ihnen erwartet wurde. Das führte aber in den ersten beiden Jahrzehnten einige Male dazu, dass niemand Zeit und Lust hatte, sich diesen hohen Ansprüchen zu stellen. Immer wieder fanden sich aber ein paar Herren und Damen, welche sich mächtig ins Zeug legten und attraktive, denkwürdige Anlässe auf die Beine stellten. Dank ihnen entwickelten sich die Feiern mehr und mehr zu kulturellen Höhepunkten und erlaubten es den musisch begabten Mitgliedern und Damen, ihre musikalischen, dichterischen, deklamatorischen und schauspielerischen Talente unter Beweis zu stellen. Frau Schuler-Honegger verfasste Prologe und «Declamationen», trat mit ihren Töchtern als griechische Musen auf und arrangierte allerliebste Tänze und Mädchenspiele. Die Herren Michalski und Notz wiederum taten sich als Musiker hervor und beglückten die Zuhörer mit Violine und Klavier. Die Beiden schufen auch gemeinsam für den Familienabend 1904 das Pfahlbaulied.

Sogar ganze Theaterstücke und Opern schrieben talentierte AGW-Mitglieder für solche Anlässe. Aus Moritz Buholzers Feder floss die romantische und hinterlistige Oper «Die Braut». Das Duo Zimmermann und Notz dichteten und vertonten das «Pfahlbauerfestspiel». Buholzer/Notz schrieben und komponierten zusammen die grosse historisch-romantisch-lyrische Oper «Kelten und Römer», die den Untertitel «Die Anthropologen in Wetzikon» trug und auf eine Intrige anspielte. Jakob Messikommer verfasste ein Epos mit dem Titel «Das Pfahlbauerwurstmahl» und trug dieses an der Jahresfeier 1909 vor. Und zur 30-Jahr-Feier liessen die Herren Reber und Hermann Bebie senior das Festspiel «Der Turposaurus» folgen. In den 1930er-Jahren erschienen neue Unterhaltungstalente auf der Bühne. Hermann Bendiner und Jakob Hauser brillierten mit humoristischen Einlagen, Glossen und Theaterstücken. Frau Braschler-Schuler inszenierte Szenen, Frau Hauser-Hofmann arrangierte als Choreografin Tanzvorführungen und der blutjunge Paul Hirzel sorgte für grossartige Saaldekorationen. An den Unterhaltungsabenden vom 29. Januar und 28. November 1936 vollzog sich ein Generationenwechsel. Die Jungmannschaft übernahm das Szepter und zeichnete verantwortlich für die Organisation und die Darbietungen. Der Clou des zweiten Abends war ein Damen-Ensemble in originellen schwarzen Herrenanzügen als Ladies-Band und fabelhafte Tanzgruppe unter Leitung von Frau Hauser-Hofmann. Gross begangen wurde auch das Fünfzigjahr-Jubiläum der AGW am 6. November 1937 im Hotel «Löwen». Den rund 120 Anwesenden wurde ein reichhaltiges Programm geboten. Festlichkeiten der etwas andern Art waren die drei Fastnachtszusammenkünfte «Fazusa» der Jahre 1939, 1948 und 1950, welche vor allem durch die Jungmannschaft auf die Beine gestellt wurden. Am 7. Februar 1948 überboten die Damen nach Ansicht des begeisterten Berichterstatters sich selbst, sangen und tanzten sie doch als reizende Midinetten. Die Kameliendame rauschte mit ihrem Gefolge auf die Bühne und bot einen rassigen Can-Can dar. Ein entzückendes Ballet aus der Opera de Paris zeigte graziös-schlanke Beine, wobei auch die ältesten Herzen im Rhythmus mitschwangen.

Nach dem Krieg machte sich der wirtschaftliche Aufschwung immer stärker bemerkbar. Die berufliche Beanspruchung vieler Mitglieder nahm zu, die Bereitschaft, sich in der Freizeit zum Wohle der AGW zu engagieren, schwächte sich entsprechend ab. In den 50er-Jahren entwickelten sich deshalb die Gesellschaftsanlässe in eine Richtung, welche den «Antiquaren» früherer Zeiten suspekt gewesen war. Die Nachkriegs-Generation wollte sich in erster Linie entspannen und vergnügen. Man wollte sich unterhalten lassen, ohne selber grosse Stricke zerreissen zu müssen. Die Anlässe gingen nun Jahr für Jahr nach dem gleichen Muster über die Bühne. Immerhin liess man sich das einiges kosten, denn es gastierten bei diesen Anlässen teilweise prominente Künstler wie Jörg Schneider und Ines Torelli oder das Kabarett Rotstift. Ein Tiefpunkt war erreicht, als am «Chränzli» vom 25. November 1972 nur noch gut 30 Mitglieder teilnahmen.

Exkursionen beziehungsweise Ausflüge waren seit je ein Mittelding zwischen fröhlicher Geselligkeit und belehrenden Vorträgen. Man suchte normalerweise einen Ort von historischer Bedeutung auf, doch hatte man unterwegs genügend Zeit, um miteinander zu plaudern und es gemütlich zu haben. In den ersten Jahrzehnten erkundeten die AGW-Mitglieder ganz bescheiden zu Fuss die nähere Umgebung, zum Beispiel den Hellberg, die Werdegg, Gyrenbad, das Kastell Irgenhausen oder das Ried mit den Pfahlbauten. Sie waren dabei trotz der körperlichen Strapazen immer sehr vergnügt, fanden sie doch auf ihren Märschen mit antiquarischem Gespür stets ein Wirtshaus, um sich zu erlaben. Zu einem Besuch in Herrliberg liessen sie sich mit Ross und Wagen chauffieren. Auf der Bluestfahrt des Jahres 1904 benützten rund 40 Personen die im Vorjahr eröffnete Wetzikon-Meilen-Bahn. Ausflüge zu ferneren Zielen wie Nänikon, Windisch, Morgarten oder Elgg erfolgten mit der Eisenbahn. Die damaligen Zugsverbindungen schränkten die Reisemöglichkeiten allerdings stark ein. So hatte der Vorstand im Jahre 1902 die löbliche Absicht, den Kameraden etwas Besonderes zu bieten und die Tropfsteinhöhlen von Baar besuchen. Da es sich aber als unmöglich erwies, den geplanten Ausflug in einem halben Tage auszuführen, musste das Präsidium wohl oder übel darauf verzichten.

Kegelabend 1930

Ab Mitte der Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts waren dann genügend Mitglieder motorisiert, um mit ihren Mitfahrern ans Ziel antiquarischer Sehnsüchte zu gelangen, ohne sich mit ärgerlichen Bahnverbindungen herumzuschlagen. Das löste einen richtiggehenden Reiseboom aus, der selbst während der Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre anhielt. So fuhren am 6. Mai 1937 nach Angaben des Berichterstatters 50-60 Personen in einer imposanten Kolonne von 13 Privatwagen nach Vindonissa und Königsfelden. Je nach Routenwahl, Fahrzeugtyp und Fahrkünsten des Chauffeurs gelangten die Reisenden jeweils zu recht unterschiedlichen Zeiten ans Ziel, oft auch mit ziemlicher Verspätung. Deshalb entdeckte die AGW kurz vor dem 2. Weltkrieg die Annehmlichkeiten des Carreisens. Am 26. Mai 1938 liessen sich 30 Personen im angenehmen, grünen Reisecar von Herrn Pulver über Schwyz und die hohle Gasse nach Zug chauffieren. Im Frühling 1939 ging es mit dem Car «Sonny Boy» von Herrn Walder nach Schaffhausen. Dann kam der Krieg und mit ihm die Benzinrationierung. Man fuhr wieder ganz bescheiden mit der verpönten Eisenbahn oder ging sogar zu Fuss über Land. Entsprechend wurden die Reiseziele ausgewählt.

Im Sommer 1947 endete die harte Zeit der Entbehrungen. Die AGW-Mitglieder holten ihre Autos wieder aus den Garagen, polierten sie auf Hochglanz und erkundeten das Land. Zwischendurch entschied man sich je nach Destination aber auch wieder für eine Carreise, am 22. Mai 1952 sogar erstmals ins Ausland; über Stein am Rhein nach Überlingen und Unter-Uhldingen am Bodensee, wo die Rekonstruktion eines Pfahlbauerdorfes bewundert wurde. 17 Jahre später wagte die AGW sogar zum ersten Mal den Versuch einer Zweitagesreise. Über 30 Mitglieder gingen mit dem Car auf grosse Fahrt nach Saulgau rund 60 Kilometer nördlich des Bodensees. Am zweiten Tag besuchten sie das Städtchen Buchau in der Nähe des am südlichen Rand der Schwäbischen Alb gelegenen Federnsees, wo sie im Museum die reichen Funde aus der Altstein-, Bronze-, Hallstatt-, Kelten- und Alemannenzeit bewundern konnten. Auf dem Weg durch das Hochmoor erfuhren sie viel über die Pflanzen- und Vogelwelt am Federnsee. Zum Abschluss besuchten sie die Stiftskirche, die Kirche des alten Reichsklosters und adeligen Damenstiftes. 1973 kam es zu einem abrupten Bruch mit der langjährigen Reisetradition. Offiziell wurde der Verzicht auf einen Ausflug damit begründet, der Verkehr werde immer dichter und das Reisen beschwerlich. Der wahre Grund lag wohl eher in der angeschlagenen Gesundheit des bis anhin so reisefreudigen Präsidenten, hatte dieser doch einen Herzinfarkt erlitten. Mit der Wahl eines neuen Präsidenten im Frühjahr 1976 entschwanden die Verkehrsprobleme wieder, und die Gesellschaft setzte ihre intensive Reisetätigkeit munter fort.

Die Durchführung gemeinsamer Grabungen war in den ersten 30 Jahren ein Dauerthema. Die interessante, aber auch kostspielige forschende Tätigkeit war den Mitgliedern ein starkes Bedürfnis. So gruben und wühlten sie beim grossen bronzezeitlichen Grabhügel auf der Burg Robank, auf der Burgstelle Hittnau, im Gebiet der römischen Villa auf Bürglen in Ottenhausen und im Grabhügel im Knebel bei Grüningen. Im Mittelpunkt standen aber stets das Pfahlbaugebiet Robenhausen und die ebenfalls steinzeitliche Fischerstation im Himmerich. Die Grabungen im Ried waren zwar anregend und interessant, aber ohne hohen wissenschaftlichen Wert. Dazu waren die angewandten Methoden zu laienhaft, wurde doch in einem Sitzungsprotokoll angemerkt, die Teilnehmer hätten mit Stecken und blossen Händen im Torf gewühlt. Die Aufmerksamkeit galt vornehmlich den Fundobjekten; auf die protokollarische Sicherung und Festlegung der Grabungsergebnisse wurde wenig Wert gelegt. Das Ganze ähnelte eher einem Robinson-Spielplatz für gestandene Männer. Wobei auch der «Antiquar», wie Jakob Messikommer ehrfurchtsvoll genannt wurde, nicht mit dem besten Beispiel voran ging. Stets hatte er die Leitung inne, und die Hauptsache war auch für ihn, dass etwas gefunden wurde. Ein fachgerechteres Vorgehen wäre allerdings sehr kostspielig gewesen. Denn selbst bei einem tiefen Wasserstand des Pfäffikersees hätten seriöse Grabungen den Einsatz von Wasserpumpen erfordert. Messikommer hatte seinen Höhepunkt als Forscher längst überschritten und wollte seinen Kameraden in erster Linie ein Abenteuer vermitteln, ohne selbst noch einen grossen Ehrgeiz an den Tag zu legen. Mit dem Hinschied Messikommers erlosch die Begeisterung für die aktive Forschung. Die AGW hatte nun schon seit 30 Jahren Bestand. Die ehemals so unternehmungslustigen Gründungsmitglieder waren verstorben oder allmählich in die Jahre gekommen. Spätere Anläufe für weitere Sondierungen beim Grabhügel Robank scheiterten offiziell an der Kostenfrage, wahrscheinlich fehlte aber ganz einfach die treibende Kraft und die Motivation.

Jakob Messikommer besichtigt den Grab- oder Burghügel Robank mit Dr. H. Haegi und Architekt Johannes Meier

Mitte der 1920er-Jahre flammte die Grabungslust erneut kurz auf. Konservator Johannes Meier schlug seinen Kameraden vor, wieder einmal Grabungen auf der Burg Robank vorzunehmen. Der Vorstand versprach, die Angelegenheit zu prüfen; die einstmals übliche freudige und spontane Zustimmung blieb aber aus. Man beschoss ohne rechte Begeisterung, über den Winter die notwendigen Vorbereitungen zu treffen und anfangs 1927 zügig ans Werk zu gehen. Die Sache verlief dann aber offensichtlich im Sand. Die schwierigen Jahre der Wirtschaftskrise und des 2. Weltkriegs belasteten auch die AGW und hemmten deren Aktivitäten spürbar. So kann es nicht verwundern, dass die Mitglieder keine Gedanken daran verschwendeten, irgendwo in der Erde nach verborgenen Schätzen aus alter Zeit zu wühlen. Erst am 16. Oktober 1958 regte sich der Forscherdrang wieder ganz sachte. Der Vorstand bewilligte auf Initiative von Fritz Hürlimann, Lehrer von Seegräben, einen Kredit von 100 Franken für Grabungen am Furtacker in Robenhausen. Am 24. April des folgenden Jahres berichtete Hürlimann mit Befriedigung über die erfreulichen Ergebnisse der von ihm geleiteten Arbeiten, wurden doch Feuersteinwerkzeuge gefunden. Das brachte das kantonale Hochbauamt unter der wissenschaftlichen Leitung des Landesmuseums auf den Plan, welches das mehrschichtige Holzgefüge, eventuell die Überreste von Hüttenböden, ausgrub. Die Funde hatten ein stolzes Alter von etwa 8000 bis 10000 Jahren, stammten also von einer mesolithischen Siedlung der Mittelsteinzeit.

In den 1960er-Jahren setzte ein Bauboom ein. Die AGW-Mitglieder erwiesen sich als sehr vorausschauend und befürchteten zu Recht, durch die Bautätigkeit könnten unter der Erdoberfläche schlummernde wertvolle archäologische Bauten und Gegenstände unwiderruflich zerstört werden. Es wurde deshalb 1961 unter der Leitung von Fritz Hürlimann eine «Urgeschichtliche Kommission der Antiquarischen Gesellschaft» geschaffen, die im Gebiet Sandbühl Kontrollgrabungen vornehmen wollte. Man gedachte vor allem nach Gräbern aus der Lathène-Zeit zu suchen. Der Vorstand bewilligte für die Aktion grosszügig einen Kredit von 1000 Franken. Das Geld war leider schlecht investiert, denn nach einigen Wochen wurde in einer unscheinbaren Aktennotiz etwas kleinlaut vermerkt: «Die Sondierungsgrabungen, welche am 9. Oktober begannen und dank der Hilfe verschiedener Freiwilliger rasch voran gingen, verliefen leider ergebnislos.». Ausserdem hatte Regierungsrat Meierhans die eifrigen Forscher darauf aufmerksam gemacht, dass jede Grabung unter Oberaufsicht der kantonalen Denkmalpflege stehe und eventuelle Fundgegenstände dem Landesmuseum abzuliefern seien. Vorbei waren also die Zeiten, wo man damit die eigene Sammlung äufnen konnte, was den AGW-Mitgliedern denn auch sichtlich die Lust an weiteren Grabungen nahm.

Die AGW war, was Mitgliedschaft und Referenten angeht, über Jahrzehnte eine reine Männergesellschaft. In den ersten fünf Jahren hatten die Frauen selbst an geselligen Anlässen nichts verloren. Vielleicht hegten einige Herren die Befürchtung, ihre Gattinnen könnten Gewahr werden, dass die vielen Sitzungen und Herrenabende nicht nur ernsthaften Themen, sondern auch Gerstensaft, Gesang und Allotria gewidmet waren. Die Jungen versuchten dies mehrmals zu ändern. Erstmals waren die (Ehe-) Frauen an der Berchtoldsfeier vom 15. Januar 1893 zugelassen und erschienen zahlreich. Der Durchbruch war damit aber noch längst nicht geschafft. Mehrmals musste man in den Folgejahren notgedrungen zu einem Herrenabend Zuflucht nehmen, weil es einfach nicht gelungen war, ein Unterhaltungsprogramm auf die Beine zu stellen. Denn es galt das Prinzip «ohne Unterhaltung keine Frauen». Einem reinen Tanzabend widersetzten sich insbesondere die bejahrteren Semester jeweils vehement. Als sich die Damenbegleitung dann doch mehr und mehr durchsetzte, zogen sich manche der älteren Herren von den Festlichkeiten zurück.

Was die Mitgliedschaft anging, blieb die Gesellschaft aber noch über Jahrzehnte weiterhin eine uneinnehmbare Männerbastion. Dem «liebreizenden Damenflor» kam lediglich die Aufgabe zu, die Stiftungsfeste, Feiern, Kränzchen und Bälle durch ihre Anwesenheit zu bereichern. Im Weiteren dienten die Frauen bei Ausflügen und öffentlichen Vorträgen dazu, die Anzahl der Teilnehmer anzuheben. Besonders in der Präsidialzeit von August Gretler erfolgte zwischenzeitlich ein vermehrter Einbezug der Ehefrauen, weil sich die Mitglieder nach dem vorübergehenden Auszug aus dem Schloss im kleinen Saal des Hotels «Löwen» versammelten und selbst dieser für die geringe Anzahl Besucher zu gross war. 1936 gab die Frauenfrage sogar Anlass zu einer vereinsinternen Umfrage. Man war sich offensichtlich nicht einig, also verharrte man beim Status quo.

Auch die Referenten waren mehr als ein halbes Jahrhundert lang ausschliesslich männlichen Geschlechts. Erst am 2. Februar 1939 trat in der Person von Ines Spring-Zürcher, der Gattin des damaligen Aktuars, erstmals eine Frau ans AGW-Rednerpult. Sie sprach zum Thema «Charakterschwierigkeiten im Lichte der Individual-Psychologie». Wohl nicht zufällig wurde die volle Gleichberechtigung der Frauen in der AGW während und nach dem 2. Weltkrieg Realität. In dieser Zeit wandelte sich die Stellung der Frau in der Schweiz nachhaltig . Weil die Männer oft während Monaten Militärdienst leisten mussten, traten die Frauen in vielen Lebensbereichen vermehrt in den Vordergrund. «Herr Rüegg macht darauf aufmerksam, dass auch Damen in die Gesellschaft aufgenommen werden sollten. Es wird konstatiert, dass die Statuten dem nichts in den Weg stellen und es lediglich bis heute nicht üblich war,» steht im Protokoll zur Sitzung vom 16. April 1941. Sogar ein Zeitungsartikel im «Zürcher Oberländer» erschien, in dem Frauen ausdrücklich willkommen geheissen wurden. In den Protokollen finden sich in der Folge allerdings lange Zeit keine Hinweise auf die Aufnahme von Damen, eventuell betrafen die Eintritte vorerst nur Ehegattinnen von Mitgliedern. Erst anlässlich der Sitzung vom 22. April 1949 kam mit etwelcher Verzögerung der historische Moment. Unter den Beitritten wurde erstmals eine Frau erwähnt: «Fräulein Waldburger, Lehrerin, Robenhausen». Und an der Sitzung vom 11. Mai 1955 im Hotel «Löwen» erfolgte dann sogar die Einführung des Frauenstimmrechtes, womit das weibliche Geschlecht endlich seinen festen, gleichberechtigten Platz in der AGW gefunden hatte. Es darf den Verein mit Stolz erfüllen, dass er der Eidgenossenschaft in Sachen Frauenstimmrecht um fast 16 Jahre voraus war.

  • Auszug von Uli Huber aus dem Buch «Zwischen Bildungslust und Pfahlbaufieber», 125 Jahre Antiquarische Gesellschaft Wetzikon (AGW), 2012


Chronologie

1887 Gründungsjahr, zunächst eine Sektion der Antiquarischen Gesellschaft Zürich. 1897 wurde die bisherige Sektion in eine selbstständige Gesellschaft umgewandelt.

1891 Wird mit der Sammlung begonnen. Sie umfasst vor allem prähistorische Funde und Andenken an Hans Georg Nägeli. Lagerung zunächst in einem Giebelzimmer des Schulhauses Unterwetzikon. Gleichzeitig beginnt Dr. Jakob Messikommer, chronologisch die Tagesereignisse in gebundenen Chronikbüchern schriftlich festzuhalten.

Links: Altes Schulhaus Unterwetzikon

1907 Die Sammlung wird im Schloss Wetzikon untergebracht.

1923 Einrichtung «Nägeli-Stübli» im Pfarrhaus Oberwetzikon.

Nägeli-Stübli im Pfarrhaus Usterstrasse

1937 Feier zum 50-jährigen Bestehen der AGW. Der Verein zählt 50 Mitglieder. Herausgabe der Broschüre «Antiquarische Gesellschaft Wetzikon 1887-1937, 1937 Aktienbuchdruckerei Wetzikon und Rüti».

1958 Die inzwischen umfangreiche Sammlung kann jetzt im «Haus zur Farb» an der Farbstrasse 1 untergebracht werden.

1985 Das Ortsmuseum eröffnet neu am 25. Oktober.

1987 Zum Jubiläum gibt die AGW eine Broschüre «100 Jahre Antiquarische Gesellschaft Wetzikon 1887 - 1987», heraus.

2000 Ein neuer Faltprospekt wird an der Züri Oberland Mäss (ZOM) vorgestellt.

2002 Nach gelungener Erweiterung des Museums können die prächtigen Exponate der Sammlung besser präsentiert werden. Feierliche Eröffnung am 1. November mit einer Ausstellung über Leder.

2012 Am 9. November feiert die Gesellschaft das 125-Jahre-Jubiläum mit Feierlichkeiten in der Aula der Kantonsschule Zürcher Oberland KZO. Neben der Buchpräsentation des Jubiläumsbuches «Zwischen Bildungslust und Pfahlbaufieber» spielt die bekannte Pianistin Alena Cherny, zusammen mit Jungmusiker.[1]

2013 Wechsel im Vorstand: Als Nachfolgerin der nach vier Jahren zurückgetretenen Aktuarin Elisabeth Meyer-Lattman wird Regula Hagen gewählt.[2]

2014 An der Generalversammlung am 25. Oktober tritt Dieter Hitz als Präsident zurück und wird zum Ehrenmitglied ernannt. Da keine Nachfolge in Sicht ist, wird eine Findungskommission unter der Führung von Hans Bernhard eingesetzt. In der Zwischenzeit führt Werner Reimann, Vizepräsident, den Verein.[3]

2015 Änderungen an der GV 31. Oktober im Vorstand der AGW: Vizepräsident Werner Reimann übernimmt das Präsidium - neu gewählt werden Irene Kupper und Wilfried Graf.[4]

Vereins-Präsidenten

  • 1887-1889 Conrad Werdmüller-Dürsteler
  • 1898-1904 Josias Flury
  • 1904-1919 Hans Haegi
  • 1919-1925 Caspar Schuler-Suter
  • 1925-1945 August Gretler
  • 1945-1950 Jakob Hauser
  • 1950-1976 Karl Eckinger
  • 1976-1978 Jost Meier
  • 1978-1989 Walter Jacob
  • 1989-2001 Beat Meier
  • 2001-2014 Dieter Hitz
  • 2014-2015 Werner Reimann, Vizepräsident
  • 2015-0000 Werner Reimann

Ehrenmitglieder

  • Hans Haegi
  • Heinrich Gretler
  • Walter Bär
  • Johannes Meier
  • Wilhelm Hongegger
  • Hermann Bebie
  • Fritz Hürlimann
  • Paul Walder
  • Beat Meier
  • Willi Müller
  • Lilli Schweighauser
  • Roger Büsser

Chronikschreiber

Literatur

  • Zwischen Bildungslust und Pfahlbaufieber, 125 Jahre Antiquarische Gesellschaft Wetzikon (AGW), Redaktion Werner Reimann, 2012, DK 904.
  • Heimatspiegel Nr. 10/2012 Eine Symbiose von Geld und Geist. Die 125-jährige Geschichte der Antiquarischen Gesellschaft Wetzikon. Autor: Werner Reimann.
  • Heimatspiegel Nr. 2/2009 Dr. h. c. Jakob Messikommer...nicht nur Pfahlbauforscher. Autor: Willi Müller.
  • Heimatspiegel Nr. 9/2005 Geschichte und Kultur als Aufgabe, Geschichte der Antiquarischen Gesellschaft Wetzikon und des Museums Wetzikon, Autor: Willi Müller.
  • Jubiläumsbroschüre 100 Jahre AGW 1887-1987, Redaktion: H. Lippuner, W. Jacob, I. Illiadis
  • Heimatspiegel Nr. 11/1987 «Das kulturelle Erbe einer Gemeinde», 100 Jahre Antiquarische Gesellschaft Wetzikon, Autorin: Cécile Weber.
  • Antiquarische Gesellschaft Wetzikon 1887-1937, 1937 Aktienbuchdruckerei Wetzikon und Rüti, Autoren: Johannes Meier und Jakob Hauser, DK 904.
  • Uli Huber Grüt: Pdficon.gif Rückblick auf die ersten hundert Jahre der ehrenwerten Gesellschaft 1887 bis 1987 zum 125-Jahr-Jubiläum vom 9. November 2012

Fotos

Sammlung im Schloss Wetzikon

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Einladung, September 2012
  2. regio 31. Oktober 2013
  3. Internet www.agw-wetzikon.ch, aufgerufen am 1. November 2015
  4. Internet www.agw-wetzikon.ch, aufgerufen am 1. November 2015