Bronzefarbenwerke AG

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Explosion am 30. Juni 1926

Chronik

1885 Die Erben des Hs. Heinrich Schneider: 1. Julie Schneider, geb. 1862, Kempten2. Emil Schneider, geb. 1871, Kempten verkaufen am 14. Juli 1885 an: Jacques Weber, Kempten-Wetzikon: (70/255) ca. 3570 m² Land in Kempten, mit Stickereigebäude. [1]

1899-1901 2) Emil Schneider, geb. 1871, erwirbt am 24. Februar 1899 ein Stück Land, auf welchem 1901 ein Stickereigebäude, Assek.Nr. 537 eingetragen wird.[2]

1909 Jacques Weber gestorben; Übergang am 6. August 1909 auf dessen Erben.[3]

1918 Am 21. Februar 1918 erwirbt die Kommanditgesellschaft Schlittler, Blumer & Cie das Land mit Assek.Nr. 537, tritt es bereits am 21. Oktober 1918 ab an die Bronzefarbenwerke AG Kempten.[4]

Am 27. Dezember 1918 wird das Land mit Assek.Nr. 285 verkauft an die Bronzefarbenwerke AG Kempten. Im einzigen Bronzefarbenwerk der Schweiz wird Kupfer, Zinn und wenig Zink legiert und die gewonnenen Bronzeplättchen durch „Stämpfen“ (Riesenhämmer, welche durch ein Getriebe wechselseitig gehoben und vertikal auf Ambosse herabfallen) zu Pulver zerkleinert und dieses durch Poliermaschinen geglänzt. Das Pulver eignet sich bestens zur Sprengstoffherstellung. Der „nervenaufreibende“ Lärm führt häufig zu Klagen aus der Nachbarschaft, beschäftigte Polizei, Gemeinderat, Bezirksgericht, vom Regierungsrat bis zum Bundesrat. – Der deutsche Direktor Katz („anmassend, diktatorisch“) wohnt mit Familie Weber im Haus „Platane“ auf der andern Strassenseite.[5][6]

1919-1923 In einem 64-seitigen schwarzen Notizbuch sind alle Schreiben, Klagen und Beschwerden gegen die Bronzefarbenwerke handschriftlich kopiert und bieten Einblick in nachbarschaftliche Zustände an der „Hinwilerstrasse“ Kempten.[7]

1922 Am 27. Juni entsteht der erste Brand in einer der beiden früheren Stickereien. „Das Aluminiumpulver wird teils in hölzerne, teils in eiserne Fässer geschöpft. Ein so gefülltes hölzernes Fass hat Feuer gefangen. Die Brandursache dürfte durch das Eindringen von Schmieröl der Stampfkolbenstangen zum feinen Metallpulver durch Selbstentzündung begründet sein. Am 15. Oktober wird die Arbeitszeit verlängert. Wochenlohnerhöhung von 68 auf 72 Franken, alle Arbeiter sind einverstanden. Getrennte Aborte verlangt für Männer und Frauen – mit Wasserspülung! In den Archiv Ortsgeschichte-Unterlagen befindet sich das Schreiben, auf welchem elf Arbeitnehmer – worunter zwei Frauen – sich handschriftlich mit der Änderung der Arbeitszeit, wie sie das Eidgenössische Volkswirtschaftdepartement genehmigt hat, einverstanden erklären.[8][9]

1922-1925 Die zahlreichen Originaldokumente, Zeitungsausschnitte, Briefdurchschläge über Streik und Arbeitskonflikte zwischen 1922 und 1925, sowie Nachbarschaftsstreit ab 1918 bis 1947(!) – unter gegenseitigem Einbezug von Anwälten – sowie stete Versicherungsfragen würden Stoff für eine Dissertation bieten …insgesamt rund 300 Seiten Maschinenschrift-Durchschläge, unterzeichnete Abschriften und weitere Belege überschreiten den Rahmen einer ordentlichen „Zusammenfassung“, weshalb an dieser Stelle einzig auf ihre Existenz im Archiv Ortsgeschichte verwiesen werden soll. (Sepp Lauber)[10]

1923 Am 8. Oktober erhält die Bronzefarbenwerke AG die Bewilligung für den Anbau eines Lager- und Schmelzraumes an das Assek.-Gebäude 285 und an das Fabrikgebäude Assek.Nr. 537. Einsprachen gegen diese Anbauten lehnt der Gemeinderat Wetzikon ab. Deutsche Ausfuhrerschwerungen zwingen den Betrieb, Kupferlegierungen künftig selbst zu schmelzen. Das Baugesuch für einen Schmelz- und Polierraum unterliegt strengen Auflagen, keine Maschinenreinigung während des „Laufens“, bessere Absaugevorrichtung für Staub, Reinigung „nicht unbezahlt nach Feierabend“. Die 13köpfige Belegschaft tritt 1925 in den Streik und fordert (10%) mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen. Ohne Erfolg, es werden andere Leute (Ausländer) eingestellt (Arbeitslosigkeit!). (Albert Muggli bittet, wieder eintreten zu dürfen – abgelehnt! – alle Stellen besetzt!) Arbeiter sind unzufrieden wegen zu langer Arbeitszeit (53 Stdn); Nachbarn beklagen sich wegen ungenügender Lärmverhütung. Direktor Katz verbietet dem Arbeitersekretär Diggelmann das Betreten des Areals, er habe sich bodenlos gemein benommen dem Direktor gegenüber, verhetze lediglich die Arbeiter. Jegliche Korrespondenz mit ihm wird abgelehnt.

1925 Am 25. Juni hält der Gemeinderat protokollarisch fest: B) Dir. Katz wird durch Präsidialverfügung zum Zwecke seiner Sicherheit die nachgesuchte Bewilligung zum Waffentragen erteilt. C) Das Streikposten-Stehen ist zu verbieten. Da die Streikenden mit dem Gewerkschaftssekretär Diggelmann und dem Nationalrat Weber die Arbeitenden in ihren Wohnungen aufsuchen und durch Geldanbieten von 100 Franken pro Tag und Anerbieten anderer Arbeit zum Kontraktbruch verleiten, liegt noch weniger Anlass für Streikposten vor.[11]

Die Zürcher Fremdenpolizei vermisst das Einreisegesuch für Nikolaus Pfaff, weshalb Pfaff bis Ende 1925 ausreisen muss. (Ein Jahr später ist Nikolaus Pfaff eines der drei Todesopfer beim Explosionsunglück.)[12]

Wie gespannt das Verhältnis sich zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer der Bronzefarbenwerke abzeichnete, bestätigt ein Aufruf des Arbeitgeber-Verbandes im „Freisinnigen“ an die Bevölkerung von Wetzikon und Umgebung. Er schreibt von: gehässigen Tatsachenentstellungen in der Arbeiterpresse, unter Kontraktbruch ausgelöstem Streik, rechtmässig Gekündigten, die unter allen Umständen weiter arbeiten wollen, wodurch sie selbst bestätigen, dass ihre Anschuldigungen auf Unwahrheit beruhen. Die Geschäftsleitung hat von Anfang an die Arbeiter und ihren Gewerkschaftssekretär an den Verbandssekretär des Arbeitgeber-Verbandes verwiesen. Antwort: Der Arbeitgeber-Verband ist eine Farce. Eine Vermittlung wurde verschleppt. Halsstarrigkeit ist auf Seiten der Arbeiter und ihres Führers, sie haben – im Gegensatz zur Geschäftsleitung - die Vorschläge des kantonalen Einigungsamtes abgelehnt. „Aus diesen Gründen ersuchen wir Sie auch, nicht durch freiwillige Gaben die wortbrüchige Arbeiterschaft zu unterstützen!“[13]

1926 Eine schwere Explosion ereignet sich am 6. Juni im Bronzewerk Schwabach, im bayrischen Mittefranken, wo Goldplättchen hergestellt werden. Dasselbe passiert am 30. Juni, um 16.55h, im Aluminiumstampfwerk in Kempten, wobei Jakob Zuberbühler, ledig, Nikolaus Pfaff und Adolf Hauser, Vater von 5 Kindern mit Wohnort Herisau, tödlich verletzt werden. „Sie lagen wie brennende Fackeln auf der Wiese, von Zuberbühlers Bekleidung waren einzig die Schuhe noch erkennbar“. Wegen der üblichen Praxis, alle Akten nach 30 Jahren zu vernichten, ist ein Untersuchungsbericht nicht mehr einsehbar. Der damalige Feuerwehrkommandant vermutet den Grund in der Poliererei, wo rotierende Bürsten das hochexplosive Gemisch des Aluminiumpulvers entzünden konnten.[14][15][16]

„Mittwoch, den 30. Juni, abends 10 Minuaten vor 5 Uhr, wurde die Bevölkerung von Kempten und Umgebung durch einen furchtbaren dumpfen Knall aufgeschreckt. In der Aluminiumstampferei der Bronzefabrik hatte eine entsetzliche Explosion stattgefunden, durch deren Stichflamme das Gebäude, oder besser ausgedrückt, der Trümmerhaufen, noch in Brand gesteckt wurde. Während dem Betrieb befanden sich drei Arbeiter im Gebäude; und diese sind leider verunglückt und gestorben.“[17]

Am folgenden Tag, Donnerstag 1. Juli, verlangen Namens des Wetziker Gemeinderats, Präsident W. Graf und Gemeindeschreiber Maurer, von der Volkswirtschaftsdirektion in Anbetracht der hohen Feuer- und Explosionsgefährlichkeit eine vorübergehenden Stilllegung des Betriebes.[18]

Die Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zürich erlaubt weiterhin die Herstellung von Bronzepulver, welches im Gegensatz zur Bearbeitung von Aluminium nicht explosionsgefährlich ist. Nach dem Explosionsunglück sind noch 21 Stämpfe und 19 Poliermaschinen in Betrieb, allesamt wesentlich weniger intensiv benützt als zur Zeit der Administrativuntersuchungen.[19]

Vertreter der Zürcher Volkswirtschaftsdirektion, der SUVAL, des kantonalen Fabrikinspektorates und des Gemeinderates beraten über die Bedingungen eines Weiterführens der „Bronci“.[20]

Der „Freisinnige“ erhält von der Volkswirtschaftsdirektion ein Schreiben mit dem Begehren von 500 Unterzeichnenden, die fordern, der Betrieb der Bronzefarbenwerke sei in ein unbewohntes Quartier zu verlagern. Dazu die Volkswirtschaftsdirektion: Eine zwangsweise Einstellung oder Verlegung des Betriebes stellt einen Willkürakt dar, mit gerichtlichen Folgen. Im vorliegenden Fall sind die hauptsächlichsten Bedingungen, die an die Bewilligung der Weiterführung des Betriebes geknüpft worden waren, ohne weiteres erfüllt. Unter ganz bestimmten Umständen kann Bronzepulver mit Luft ein explosives Gemisch bilden. Proben an Ort und Stelle haben ergeben, dass an den ungünstigsten Stellen der Staubgehalt 1/137 desjenigen beträgt, der gemäss Laboratoriumsversuchen eine explosionsähnliche Verbrennung ergibt.[21]

1927 Wegen „fahrlässiger Verursachung einer Explosion“ ergeht von der Staatsanwaltschaft Zürich der Entscheid an die Bezirksanwaltschaft Hinwil, die Geschädigte Bronzefarbenwerke AG Kempten und an die Brandassekuranz des Kantons Zürich:Den (Untersuchungs-)Akten sind keine fahrlässige oder vorsätzliche Verschulden von Personen an dieser Explosion nachzuweisen. Eine zufällige Verkettung von Gefahren-Momenten, die mit dem Fabrikbetrieb in Verbindung gestanden haben mögen, sind als die Ursache des Unglücks zu bezeichnen.[22]

1931 Die Parzelle mit Gebäudegrundfläche Assek.Nr. 537 wird an J.D. Götz & Co, Kempten, verkauft.[23]

1932 Heinrich Diener, geb. 1901, erwirbt die Grundstücke der ehemaligen Bronzefarbenwerke. Die Firma beschäftigt 20 Schweizer und 20 Ausländer und ist spezialisiert auf die Herstellung von Fenstern und Türen.[24][25]

1935 Bis zu diesem Jahr ist der Inhaber der Bronzefarbenwerke AG die Fa. Fritz Bosshard & Co. in Kempten.[26]

1939 Übernimmt Heinrich Diener die Bronzefarbenwerke Kempten.[27]

1969 Nach Angaben von Heinrich Diener sen. erfolgt die Liquidierung der Firma Bronzefarbenwerke durch Verkauf der Maschinen nach Ardon VS, wo seit einiger Zeit ein solcher Betrieb geführt wird.[28]

  • Zusammenfassung von Sepp Lauber im April 2008

Siehe auch

Literatur

  • Heimatspiegel August 1976, Ein ganzes Dorf in Alarm, Autorin: Ruth Hotz

Briefkopf

Fotos

Explosion am 30. Juni 1926

Lage

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Einzelnachweise

  1. Eintrag im Wetziker Grundprotokoll Band 70 Seite 255 (GP 70/255)
  2. GP 87 / 129 -7- / GP 90 / 28
  3. GR 7/587/8
  4. GR 11 /508 / GR 13 / 217
  5. GR 13 / 299
  6. Angaben aus in der Chronik vorliegenden Aufzeichnungen, Kopien und Notizen von alt Chronist Werner Altorfer
  7. Notizbüchlein in der Schachtel Bronzefarbenwerk AG im Archiv Ortsgeschichte Wetzikon
  8. Zitate aus der Verteidigungsschrift von RA Dr.jur. A. Reichstein, Zürich, dat. 24. Mai 1935
  9. Originalblatt, 11. Oktober 1922
  10. Durchschläge, Originale gegenseitiger Briefwechsel in Archivschachtel.
  11. Verwaltungsprotokoll des Gemeinderats Wetzikon
  12. Kopie Brief von der Fremdenpolizei, 30. Juni 1925
  13. Der Freisinnige“ Tagblatt für das Zürcher Oberland, 29. Juni 1925
  14. Angaben aus in der Chronik vorliegenden Aufzeichnungen, Kopien und Notizen von alt Chronist Werner Altorfer
  15. Notizen von Ernst Wartmann
  16. Heimatspiegel August 1976
  17. Protokollbuch Feuerwehr Wetzikon, Brandfälle und Übungen 1895 bis 1936, Oberkommandant J. Frauenfelder
  18. Briefabschrift unter den Unterlagen im Archiv Ortsgeschichte
  19. Zitate aus der Verteidigungsschrift von RA Dr.jur. A. Reichstein, Zürich, 24. Mai 1935
  20. NZZ vom 5. Juli 1926
  21. „Der Freisinnige“ vom 29. September 1926
  22. Verfügung der Staatsanwaltschaft Zürich vom 4. Januar 1927 (Aktenkopie von Dr. jur. A. Reichstein erhalten)
  23. GR 23 / 289 –sub -2-
  24. GR 23 / 346
  25. Mündliche Angabe von Hr. Diener senior, 1974
  26. Korrespondenzen mit Klageschriften
  27. Chronik Bezirk Hinwil, H.A. Bosch, Zürich 1944 Seite 237
  28. Mündliche Angabe von Hr. Diener senior, 1974